Sonntag, 20. September 2015

Ein Text von Martin Stauder - entstanden irgendwo unterwegs ...


Frisch auf!!

Lange hatten wir auf diesen Tag gewartet und endlich ging es los. Um 6.00 Uhr regnete es noch und ich traute mich nicht aus dem Bett. Welch ein Glück, als die Regenjacke dann doch nur in meinem Rucksack landete. Mittags spannte ich zwar in Laub meinen kaputten Regenschirm auf, allerdings war das nur eine Geste, damit ich wenigstens einmal mit meinem kaputten Schirm im Mittelpunkt stehe. Dieses ist mir auch gelungen. Ich wurde sogar gefilmt. Mein Gott, ich lande im Film!! In meiner Jugend träumte ich davon, in einem  Western mitzuspielen. Natürlich mit James Stewart. Heute hätte ich Clint Eastwood gesagt, aber die Hoffnung, einmal durch die Prärie zu reiten, habe ich inzwischen verloren. Immerhin wurde ich damals auf unserer Laienspielbühne erschossen. Leider fing das keine Filmkamera ein, als ich mit großem Stolz von der Bühne stürzte. Aber jetzt war es mir gelungen mit einem kaputten Regenschirm in der Hand vor einer Filmkamera zu stehen. Und so bin ich dann doch über den Frust des Vormittages hinweggekommen.

Es war nämlich so:  Auf der Steinernen Brücke wanderten wir nicht über Pflastersteine. Shit happens. Mein Gedicht über die Brücke werde ich umschreiben müssen, sonst ist es nicht mehr zeitgemäß, dachte ich in diesem Moment. Und dann wanderten wir entlang der Autobahn. Nein, natürlich nicht auf dem Standstreifen! Ich wollte nur sagen, ich knipste einen Lastwagen mit leuchtend orangener Plane und zeigte das Foto einer mir unbekannten Dame, die mit uns wanderte und zufällig in meiner Nähe war. »Wollten Sie mich damit beeindrucken?«, fragte sie und ich war sichtlich verwirrt. Keine Ahnung, was in manchen Frauenköpfen vor sich geht. Jedenfalls war ich nicht mehr bei so guter Laune. Der Tag begann erst so richtig interessant zu werden, als ich mit dem ollen Schirm endlich vor der Kamera stand. Das wir dann noch einen Storch bewundern konnten, war ein kleiner Höhepunkt des Tages. Allerdings ist er auf meinem Foto nur ein weißer Fleck im Gras.

Abends gab es das erste Schnitzel. Das betone ich deshalb, weil es am zweiten Tag das zweite Schnitzel gab. Mittags in Marienthal hätte es ein drittes geben können.»Schnitzel«, trällerte ich über den Tisch und wedelte mit der Speisekarte. Mir wäre es nie im Traum eingefallen, dass sich jemand an mein gestriges Schnitzel erinnern könnte. Ich sah keinen Sinn darin, warum ich mir merken sollte, was andere essen, aber es gibt Leute, die machen eben  genau das. Und so kam es, dass ich einen griechischen Salat bestellte, damit ich nicht als Schnitzelvielfraß in Erinnerung bliebe. Sie müssen sich das so vorstellen. Mit meinem Salat saß ich zwischen zwei Wildschweinragouts. Das fiel doch erst recht auf und es ist kein Zufall, dass jemand besorgt bemerkte, ich werde von den Blättern nicht satt. Wie aus einem Drehbuch kam das geschossen. Ich brauchte nur darauf zu warten. Wer weiß, vielleicht wäre diese wackelige Fähre, mit der wir über den Regen schipperten und die eher wie ein riesiges Ruderboot aussah, untergegangen, wenn ein Wildschwein in meinem Magen gelegen hätte. Es war sowieso ein Wunder, dass niemand ins Wasser fiel. Wie dankbar waren doch einige schreckhafte Damen, als das Boot wackelte und sie beinahe eine unfreiwillige Einladung für ein Spätsommerbad erhielten, sich im letzten Moment aber auf mich abstützten, um nicht ihr Gleichgewicht zu verlieren. Ich saß da nämlich recht günstig zwischen ihren Beinen und verhinderte das Schlimmste. So ging der zweite Tag unserer Wanderung ohne besondere Vorkommnisse zu Ende und nach der Lesung schmerzten immer noch meine Füße. Aber wenn ich mir meine Schuhe mit den dünnen Sohlen betrachte, so konnte es auch nicht anders sein.

Kommentare:

  1. Schön, das du trotz Fußschmerzen eine solch tolle Geschichte geschrieben hast. Daran sieht man wieder mal, dass unter Wehen geborene Texte überzeugen. Mach weiter so, lieber Martin, "soweit die Füße tragen".

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    1. Vielen Dank. Zur Not gehe ich auch barfuß nach Pilsen und freue mich wahnsinnig wieder morgen bei euch zu sein.

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